Was bedeutet Toleranz wirklich?
Toleranz ist für mich kein Wohlfühlwort. Sie ist keine sanfte Geste, sondern eine tägliche Herausforderung und manchmal eine Zumutung. Gerade weil „Toleranz“ heute so oft als Schlagwort oder als bequeme Ausrede für Passivität herhält, lohnt es sich, genauer hinzusehen: Was heißt es wirklich, tolerant zu sein – und wo liegen die Grenzen?
Unterschiede aushalten – Vielfalt leben
Für mich beginnt Toleranz mit der Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten: andere Meinungen, Lebensentwürfe, kulturelle Prägungen. Sie lebt davon, dass wir einander als Teil einer vielfältigen Gesellschaft akzeptieren – auch wenn uns manches fremd oder unbequem erscheint. Offenheit für Debatten, für Kritik – auch am eigenen Standpunkt –, für kulturelle Vielfalt: All das gehört für mich zum Kern von Toleranz.
Klare Grenzen: Kein Freifahrtschein für alles
Doch Toleranz ist kein Freifahrtschein für alles. Sie stößt dort an ihre Grenzen, wo Freiheit, Würde oder Sicherheit anderer verletzt werden. Gewalt – ob körperlich, sprachlich oder strukturell –, Antisemitismus, Rassismus, Frauenunterdrückung oder blinder Fanatismus sind für mich nicht verhandelbar. Wer Unrecht duldet, macht sich mitschuldig. Manchmal braucht es ein klares Nein, ein offenes Dagegenstellen – ohne Wenn und Aber.
Nachdenklich statt beliebig
Es gibt Entwicklungen und Ereignisse, die mich nachdenklich machen: Wenn Protest in Zerstörung umschlägt und am Ende allen schadet. Wenn kulturelle Vielfalt als Deckmantel für Unterdrückung dient. Wenn Antisemitismus oder jede andere Form von Hass salonfähig wird. Für mich ist klar: Toleranz darf nicht zur Ausrede für Wegsehen werden.
Toleranz verlangt Rückgrat
Gleichzeitig weiß ich: Toleranz verlangt Unterscheidungsvermögen und Rückgrat. Sie fordert uns heraus, genau hinzusehen, abzuwägen – und auch unbequeme Positionen zu vertreten. Sie ist unbequem, weil sie Verantwortung verlangt – für das, was wir dulden, und für das, was wir ablehnen.
Haltung zeigen – Klarheit schaffen
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Toleranz nicht als Feigenblatt zu benutzen, sondern als Haltung, die sich im Alltag bewähren muss. Nicht alles ist verhandelbar. Nicht alles verdient Verständnis. Und nicht alles gehört auf die Bühne des öffentlichen Diskurses.
Raum für Reflexion
Ich wünsche mir mehr Klarheit in der Debatte – und mehr Mut, die eigenen Grenzen zu benennen. Denn nur dort, wo Toleranz auch klare Kante zeigt, entsteht echte Freiheit.
Vielleicht lohnt es sich, darüber ins Gespräch zu kommen: Wo endet für Sie Toleranz? Welche Erfahrungen haben Sie mit ihren Grenzen gemacht? Welche Verantwortung tragen wir als Gesellschaft – und als Einzelne?


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